Sterne-Restaurants vs. Storno-Restaurants

Hamburger Spitzenköche nehmen Storno-Gebühren: Sterne-Restaurantinhaber haben die Idee, Reservierungen z. B. nur noch gegen Nennung der Kreditkarten-Nr. des (möglichen) Gastes zu bestätigen, um bei nicht oder zu spät angekündigtem Nichterscheinen des Gastes und Umsatzeinbußen für das Restaurant eine Stornogebühr berechnen zu können.

Ein Blog aus dem Jahre 2015, der heute nicht weniger aktuell ist, ebenfalls der Artikel im Hamburger Abendblatt vom 03.03.2015.

Dieses Nichterscheinen trifft ja nicht nur die „stinkreichen, berufsberühmten und arroganten Sterneköche aus Hamburg und anderen Metropolen“, da sie meistens nur arg wenige Plätze in ihren Kulinarpalästen haben, die sie bei Absagen durchaus auch gern Menschen auf den oftmals langen Wartelisten anbieten würden, nicht nur, um ihr Haus zu füllen, nicht nur, um die gefüllte Speisekammer leer zu bekommen und die hochwertigen Lebensmittel nicht entsorgen zu müssen, vielleicht auch nur für das Ego, denn auch das ist nicht gut gemützt, wenn die Tische leer bleiben, da der Grund an sich nicht immer klar ist.

Ja, und da gibt es Bevölkerungsschichten, die sind ja so wichtig, dass sie für ihr Samstagabend-Fressgelage gleich in 5 verschiedenen Restaurants für ihre 10er Gruppe buchen, weil sie sich gern spontan entscheiden und nicht Wochen vorher planen mögen, weil unspontan ist ja schließlich auch total uncool. Richtig? Und ja, man kennt die Sterneköche ja, best friends, da kann man wählen, ja aber hallo.

Dann wären da noch die kleinen Um-Die-Ecke-Restaurationen, der Dorf-Grieche, der Kleinstadt-Italiener und viele mehr. Hier behauptet man nun, sie wären ja gar nicht betroffen. Natürlich sind sie das! Wenn hier z. B. 5 Reservierungen à 4 Personen platzen, dann fehlen auch 20 Gäste, die gerade wegen der Reservierung beim Einkauf berücksichtigt wurden, auch wären mit oder ohne der Reservierten noch Plätze frei. Und auch ein Kleinst-Restaurantbetreiber mit Normalo-Gästen ist größtenteils bemüht, frische Ware im Lager zu haben und seinen Kopfsalat nicht 5 Tage lang zu zerflücken.

Meiner Meinung nach darf man da jetzt nicht zwischen Sterneküche und Allewelts-Gastronomie unterscheiden. Angeschissen sind sie alle.

Wieso schreibe ich nun „mögliche Gäste“? Das ist an sich ganz simpel zu verkassematuckeln, denn ich kann mir nur vorstellen, dass die, die sich über diese Idee ach ganz so fürchterlich erzürnen, nur die sein können, die gerne mal reservieren und (vielleicht bewußt, vielleicht auch ohne groß den Denkapparat anzuschmeißen, wenn denn vorhanden) dann einfach nicht hingehen. Immerhin haben wir solch angedachte Restaurant-Reservierungs-Storni ja in selbiger Form bereits im Hotelzimmerbuchungsservice, bei den meisten Seminarveranstaltungen, bei der Deutschen Bahn (sic!) und natürlich bei vielen Ärzten, die sich alle auch nicht von uns veräppeln und „verzechprellen“ lassen möchten. Hier funktioniert das System ja auch und wird erstaunlicherweise als ganz normal akzeptiert. Wieso haben Gastronomen dieses Recht dann nicht? Schädigen wir Gastronomen anders als andere?

Nicht nur die Restaurantbetreiber haben Einbußen, wenn die Leute dort fröhlich die wenigen, begehrten Tische reservieren und nicht erscheinen, sondern auch Leute wie Du und ich, die dort gerne speisen würden und ständig hören, es wäre ausgebucht.

Nehmen wir einmal einen so arg begehrten Restaurant-Reservierungs-Tag wie Silvester. Letztes Jahr ergab sich bei uns spontan eine Änderung der Pläne, so dass wir uns dachten, prima, wir lassen uns mal richtig gemütlich und gut bekochen. Ja, nur wo oh wo wollen wir dann einkehren, wenn es keine Böllerparty sein soll? Wunsch war Paulsen in Zeven. Im Hinterkopf hatten wir allerdings, dass eine Anfrage dort einige Tage vor Silvester eher zu keinem befriedigendem Ergebnis führen würde. Aber … die Gourmetletts sind ja Berufsoptimisten, wir hatten Glück und bekamen den letzten Tisch im kleinen Restaurant, den ein anderes Pärchen kurz vorher spontan abgesagt hatte. Ja, abgesagt. In Zeven gibt es offenbar noch Menschen mit einem Gewissen.

Nun gehen die Wellen bei den (möglichen) Gästen hoch her. Die Teil- und Kommentarfunktionen bei Facebook laufen heiß. Mittlerweile haben sich diverse Medien diesem Thema angenommen. Aha, es geht um unseren Geldbeutel. Es geht um unser Gewissen. Es geht um unsere Kinderstube. Es geht sogar darum, dass dieses Thema offenbar eher zur Diskussion anregt als Einwürfe zum aktuellen Stand der Dinge, wenn es um Herren geht, die sich an Kinderpornografie erfreuen und eine Strafe erhalten, die wesentlich geringer ist als der Download von illegalen Büchern oder Musik.

Ist es nicht so, dass genau die, die eine solche Storno-Sterne-Restaurant-Regelung ablehnen oder mit „unprofessionell“ oder „Die Reichen haben doch genug, sollen sich nicht anstellen“ kommentieren, die Leute sind, die dafür gesorgt haben, dass diese Diskussion überhaupt angestoßen werden mußte? Wer fair und verantwortungsbewußt durchs Leben schreitet, sollte es schon hinbekommen, Reservierungen aller Art ggf. fristgemäß abzusagen, wenn er verhindert ist und in Sonderfällen (Raum- und Catering-Buchung für 100 Personen z. B.) auch mal in die Tasche zu greifen, auch hat er die Grippe und ist „unschuldig“. Denn, liebe Leute, es geht im Leben nicht immer nur um uns; es geht auch um andere, mit denen wir zu tun haben.

Mich interessiert Eure Meinung hierzu, vor allem auch, ob Ihr Euch vorstellen könntet, dieses System beim Italiener um die Ecke zu unterstützen, denn letztendlich wird auch dort Umsatz eingebüßt, wenn die Tische leer bleiben. Oder würdet Ihr bei der Regelung „Kommste nicht, zahlste was“ das Restaurant meiden und dort gar nicht einkehren (Lese: Du reservierst und gehst dann auch wirklich hin.)? Oder ist es eher so, dass die Sterneküchen eher am Zug sein werden, da sie es sich leisten können, so zu handeln, der Dorf-Grieche eher nicht?

Es wäre auch schön, hier Stimmen von Gastronomen zu lesen, gerne auch mit Erfahrungsbeispielen.

Liebe Kulinar-Konsumenten in diesem Land, bitte seid dabei und unterstützt das neue System, egal, um welche Art von Gastronomie es sich handelt. Und nicht nur dort … Dankeschön.

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Quelle & Fotos: Die Gourmetlette – Bettina Hahn – www.gourmetlette.de

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